Bio-PE ist kommerziell verfügbar und chemisch identisch mit fossilem PE. Laut Hersteller enthält es je nach Sorte mindestens 84 bis 96 % erneuerbaren Kohlenstoff, nicht 100 % (Polyethylen).
Was fehlt, sind die Informationen, die Einkäufer:innen brauchen, um intern einen Business Case zu machen. Dieser Artikel schließt diese Lücke.
PPWR fordert Rezyklat, CSRD fragt nach Scope 3
Ein verbreitetes Missverständnis vorweg: Bio-PE erfüllt keine PPWR-Rezyklatquote. Die PPWR (Verordnung (EU) 2025/40, in Kraft seit 11. Februar 2025, anwendbar ab 12. August 2026) schreibt in Art. 7 Mindestanteile an Post-Consumer-Rezyklat ab 2030 vor (10 bis 35 % je Kategorie, ab 2040 25 bis 65 %). Eine Quote für biobasierte Anteile enthält sie nicht; nach Art. 8 prüft die Kommission bis zum 12. Februar 2028, ob Ziele für biobasierte Rohstoffe folgen sollen. Wer zu seinem CFO geht und sagt "wir brauchen Bio-PE wegen PPWR", bekommt zu Recht ein skeptisches Gesicht zurück.
Der Treiber ist CSRD Scope 3.
Für berichtspflichtige Unternehmen sehen die ESRS in der Fassung der Delegierten Verordnung (EU) 2023/2772 in ESRS E1 (Angabepflicht E1-6) die Angabe der Scope-3-Emissionen vor, soweit sie wesentlich sind. Scope 3 umfasst die Emissionen der Wertschöpfungskette, dazu gehört eingekauftes Material. Für Bio-PE nennt FKuR einen CO2-Fußabdruck von -2,12 kg CO2 pro kg, gerechnet von der Wiege bis zum Werkstor von Braskem.
Einordnung (Stand 09.09.2026): Das EU-Omnibus-I-Paket hat Anwenderkreis und Fristen der CSRD geändert. Die Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794 verschob die Berichtspflicht für große Unternehmen der zweiten Welle auf das Geschäftsjahr 2027, die Richtlinie (EU) 2026/470 hebt die Schwelle auf mehr als 1.000 Beschäftigte und mehr als 450 Mio. EUR Nettoumsatz.
Das Argument gegenüber dem eigenen CFO lautet also: Berichtspflichtige Kunden können Materialdaten abfragen, weil Ihr Material in deren Bericht als Scope 3 auftaucht. Das ist konkreter als jede Regulierung.
Wo man anfangen kann
Naheliegend, aber aufwendig ist der Einstieg über Primärverpackung für Lebensmittelkontakt.
Kunststoffe mit Lebensmittelkontakt fallen unter die Verordnung (EU) Nr. 10/2011. Ein Materialwechsel kann dort eine erneute Konformitätsprüfung nach sich ziehen, die Zeit und Geld kostet. Das ist kein Quick Win.
Die zugänglichen Segmente sind:
Stretchfolien für Logistik und Palettierung. Bio-LLDPE von Braskem (Marke: I'm green) gibt es als Sorte für Stretchfolien. Kein Lebensmittelkontakt; die Verarbeitung gleichen Sie mit dem Datenblatt der Sorte ab. Das Preis-Delta liegt je nach Quelle bei 20 bis 50 % (IfBB Hannover: rund 20 %; Polymer Innovation Blog, 2013: rund 50 %). Entscheidend ist, welchen Anteil die Stretchfolie an Ihren Gesamtkosten hat.
Behälter für Reinigungsmittel und Kosmetik. Blow-molded HDPE-Flaschen für Haushaltsreiniger: Ob Maschinen oder Parameter angepasst werden müssen, klärt ein Verarbeitungstest. Bio-HDPE-Sorten sind kaufbar.
Diese beiden Segmente sind der Einstieg. Primärverpackung Non-Food folgt danach, Lebensmittelkontakt zuletzt.
Das Single-Source-Problem
Hier liegt ein strukturelles Risiko.
Kaufbares Bio-PE kommt nach unserem Stand von Braskem (Polyethylen). Wer auf Bio-PE umstellt, begibt sich in eine Single-Source-Abhängigkeit von einem brasilianischen Chemieunternehmen, das als Rohstoff Ethanol aus brasilianischem Zuckerrohr einsetzt (FKuR).
Das bedeutet konkret: Preise können schwanken, und Lieferengpässe bei Braskem haben keine schnellen Alternativen.
Das spricht nicht gegen die Umstellung, aber für einen bewussten Umgang mit dem Risiko:
- Kurzlaufzeit-Angebote anfangs bevorzugen (keine 3-Jahres-Preisbindung in Phase 1)
- Preissicherungsklauseln einbauen, die die Bioethanol-Volatilität abdecken
- Piloten klein halten, bis die Supply-Chain sich als stabil erwiesen hat
- Den Distributor oder Intermediär nach formalem Supply-Backup fragen: Gibt es einen Rahmenvertrag mit Braskem oder FKuR als Bestandssicherung?
Wer das offen lässt, riskiert als Einkäufer:in, intern die Umstellung zu verantworten und dann bei einem Lieferengpass keine Antwort zu haben.
Was ISCC+ bedeutet und was nicht
ISCC+ ist ein Zertifizierungssystem für die Rückverfolgbarkeit von Rohstoffen in der Lieferkette (Chain of Custody). Es zertifiziert oft Massenbilanz-Ware: Dabei werden bio-basierte und fossile Rohstoffe gemeinsam verarbeitet und rechnerisch zugeordnet. Ein Massenbilanz-Zertifikat belegt deshalb nicht, wie viel erneuerbarer Kohlenstoff physisch im gelieferten Material steckt.
Für eine belastbare Aussage über den erneuerbaren Kohlenstoff brauchen Sie einen Messwert für die gelieferte Sorte, etwa per C14-Messung nach ASTM D6866. Für I'm green werden die 84 bis 96 % nach dieser Norm angegeben.
Die Dokumentation muss die gesamte Kette abdecken. Bei ISCC PLUS muss laut ISCC jedes Glied der Lieferkette zertifiziert sein: Jeder Standort, der das Material handhabt, braucht ein gültiges Zertifikat; Transporteure sind ausgenommen. Fehlt eines, bricht die Rückverfolgbarkeit ab.
Vor einer Umstellung: Konverter explizit nach Chain-of-Custody und nach dem Nachweis des erneuerbaren Anteils fragen.
Wie ein Business Case für Bio-PE intern aussieht
Die Frage, die jeder CFO stellt: "Was kostet uns das?"
Eine Beispielrechnung für Stretchfolie:
- Fossiles LLDPE: Annahme 1.300 bis 1.500 EUR/t
- Aufpreis Bio-LLDPE: je nach Quelle und Marktphase 20 bis 50 % (IfBB Hannover: rund 20 %; Polymer Innovation Blog, 2013: rund 50 %)
- Delta: 20 % von 1.300 EUR bis 50 % von 1.500 EUR, also ca. 260 bis 750 EUR/t
Bei 1 Tonne Stretchfolie pro Monat sind das 260 bis 750 EUR Mehrkosten im Monat.
Der Business Case hängt davon ab, wie viel der Scope-3-Footprint Sie intern "kostet": ob Kunden Sie dafür bezahlen, ob Investor:innen oder Rating-Agenturen das bewerten, ob Sie ESG-gebundene Finanzierung haben. Das variiert stark. Aber die Zahlen lassen sich konkret machen, und der erste Schritt ist ein realistisches Impact-Screening für Ihr spezifisches Volumen.
Was als nächstes zu tun ist
Wer heute anfangen will:
-
Segment identifizieren: Haben Sie Stretchfolie, Logistikverpackung oder Non-Food-Behälter im Portfolio? Das sind die ersten Kandidaten.
-
Konverter prüfen: Fragen Sie Ihren aktuellen Folien- oder Blasformer-Lieferanten, ob er Bio-PE verarbeiten kann und welche Nachweise er mitliefert.
-
Business Case bauen: Volumen bestimmen, Preis-Delta berechnen, CO2-Wirkung anhand der Herstellerangaben quantifizieren, Scope-3-Impact für Ihren Nachhaltigkeitsbericht einschätzen.
-
Pilot: Kein Multi-Jahresvertrag am Anfang. Ein Konverter, eine Anwendung, eine Charge mit Nachweis des erneuerbaren Anteils. Dann bewerten.
Das Material gibt es. Was dann zählt, ist ein strukturierter erster Schritt.
Quellen: PPWR: Verordnung (EU) 2025/40, Art. 7 (Rezyklatquoten ab 2030) und Art. 8 (Review biobasierter Kunststoffe bis 12.02.2028), in Kraft 11.02.2025, anwendbar ab 12.08.2026, https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2025/40/oj, Zusammenfassung FKuR https://fkur.com/en/knowledgebase/ppwr-eu-packaging-waste-regulation/; CSRD: Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794, Amtsblatt 16.04.2025, WPK-Meldung https://www.wpk.de/neu/richtlinie-zur-verschiebung-der-anwendung-der-neuen-eu-regelungen-zur-nachhaltigkeitsberichterstattung-und-zu-sorgfaltspflichten-stop-the-clock-im-amtsblatt-der-eu/, Richtlinie (EU) 2026/470 (Omnibus I), Amtsblatt 26.02.2026, DLA Piper https://knowledge.dlapiper.com/dlapiperknowledge/globalemploymentlatestdevelopments/2026/eu-council-approves-omnibus-i-directive; Bio-PE-Aufpreis: IfBB Hannover, FAQ "Sind Biokunststoffe teurer als konventionelle erdölbasierte Kunststoffe?" (rund 20 %), abgerufen 09.09.2026, https://www.ifbb-hannover.de/de/faq/sind-biokunststoffe-teurer-als-konventionelle-erdoelbasierte-kunststoffe.html, Polymer Innovation Blog, "Bio-Polyethylene: Drop-in Replacement" (rund 50 %), 2013, https://polymerinnovationblog.com/bio-polyethylene-drop-in-replacement/; Bio-PE erneuerbarer Kohlenstoff, Rohstoff, CO2-Fußabdruck und Sorten: FKuR https://fkur.com/en/bioplastics/im-green-polyethylene; Scope-3-Angabe: Delegierte Verordnung (EU) 2023/2772 (ESRS), ESRS E1, Angabepflicht E1-6 Abs. 44, https://publications.europa.eu/resource/celex/32023R2772; Chain of Custody: ISCC PLUS https://www.iscc-system.org/certification/iscc-certification-schemes/iscc-plus/
Material anfragen
Fossilfreie Drop-ins für Ihr Produkt: Anfrage stellen, Antwort innerhalb von zwei Werktagen.
Anfrage stellen