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Materialumstellung: Warum 'erstmal schauen' keine Option mehr ist

Der Verkaufszyklus für Materialwechsel ist lang — aber wer jetzt nicht anfängt, verliert Zeit die er nicht hat. Ein praktischer Leitfaden für Einkäufer und Nachhaltigkeitsverantwortliche.

Green Chemistry · 6.4.2026

Materialumstellung: Warum "erstmal schauen" keine Option mehr ist

In Gesprächen mit Einkaufsleitern und Nachhaltigkeitsverantwortlichen hören wir einen Satz immer wieder: "Wir beobachten das Thema." Gemeint sind bio-basierte Materialien als Ersatz für erdölbasierte Kunststoffe — in Gehäusen, Verpackungen, Bauteilen.

Das Problem: Dieser Satz ist teuer. Nicht weil die Materialien so teuer wären. Sondern weil der Uhr für CSRD-Reporting längst läuft — und ein Materialwechsel in der Chemie 6 bis 18 Monate dauert.

Wer heute anfängt zu beobachten, landet im besten Fall Ende 2026 bei ersten Mustermengen. Wer heute anfängt zu handeln, hat Ende 2026 eine Umstellung abgeschlossen und einen Case für die nächste.

Was "6 bis 18 Monate" wirklich bedeutet

Ein Materialwechsel in der Chemie ist kein Lieferantenwechsel. Er ist ein Prozess mit mehreren unabhängigen Bremsen:

Mustermengen und Freigaben. Bevor ein neues Material in die Produktion geht, braucht es interne Qualifizierung. Je nach Produkt und Branche: 4 bis 12 Wochen allein für die erste Beurteilung.

Lieferantenaudit. Ein neuer Converter oder Lieferant muss durch den eigenen Einkaufsprozess. ISCC+, REACH-Dokumentation, Lieferkettenverifizierung — das läuft nicht schnell.

Interne Abstimmung. Einkauf, Produktentwicklung, Qualität, manchmal Recht: alle müssen mit. Diese Koordination ist der unsichtbarste Zeitfresser.

Converter-Verfügbarkeit. Nicht jeder Converter der theoretisch Bio-PE verarbeiten kann, hat die Kapazität wenn man sie braucht. Wer früh Gespräche führt, sichert sich Priorität.

Das ist kein Argument für Panik. Es ist ein Argument dafür, jetzt den ersten Schritt zu machen — nicht nächstes Quartal.

Der CSRD-Takt ist kein Zukunftsproblem

Die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) erfasst ab 2025 alle grossen Unternehmen — und ab 2026 zunehmend auch mittelgrosse. Wer unter diese Meldepflicht fällt, muss Scope-3-Emissionen dokumentieren. Materialströme sind ein wesentlicher Teil davon.

Das bedeutet: Selbst wenn Sie heute noch keine Umstellung planen, werden Sie Ihre Materialbasis transparent machen müssen. Die Frage ist dann nicht mehr "wollen wir?", sondern "was steht da drin — und wie erklären wir es?"

Hersteller die jetzt beginnen, die eigenen Materialströme zu analysieren, haben einen doppelten Vorteil: Sie verstehen früh was ihr größtes Scope-3-Gewicht ist. Und sie haben Zeit, die Substitutionen vorzubereiten bevor der Reporting-Druck zum Handlungsdruck wird.

Was eine Materialstrom-Analyse liefert

Der erste sinnvolle Schritt ist keine Lieferantensuche. Er ist eine strukturierte Bestandsaufnahme: Welche Materialien setzen wir in welchen Mengen ein, wo stehen sie im Produkt, und was wäre substitutionsfähig?

Eine Scope-3-Materialstrom-Analyse beantwortet konkret:

  • Welche Ihrer Materialien haben das größte CO2-Gewicht pro Kilogramm?
  • Für welche davon gibt es heute zertifizierte Drop-in-Alternativen?
  • Welche Converter in DACH sind tatsächlich lieferfähig — nicht theoretisch, sondern mit Rahmenverträgen und Kapazität?
  • Was kostet die Umstellung — und was spart sie im Scope-3-Reporting?

Diese Analyse ist kein Research-Projekt. Sie dauert bei fokussiertem Vorgehen 4 bis 8 Wochen und liefert die Entscheidungsgrundlage für den Einkaufsleiter, den Nachhaltigkeitsbeauftragten und das Controlling gleichzeitig.

Den Business Case intern aufbauen: Kosten zuerst, nicht Nachhaltigkeit

Das ist der Punkt der in der Praxis am meisten unterschätzt wird. Wer intern für eine Materialumstellung kämpft und mit CO2-Reduktion argumentiert, verliert in der Regel gegen das Controlling. Wer mit Kosten argumentiert, gewinnt öfter.

Die Rechnung ist in vielen Fällen erstaunlich eng. Bio-PE kostet heute etwa 10 bis 20 Prozent mehr als fossiles PE. Klingt viel. Aber: Wie hoch ist der Materialanteil am Endproduktpreis? Bei einem Kunststoffgehäuse für ein Elektronikgerät liegt er oft unter fünf Prozent. Das Preisdelta auf das Gesamtprodukt gerechnet ist dann oft unter einem Prozent.

Gleichzeitig entstehen auf der anderen Seite reale Vorteile: kürzere Risikopositionen bei CO2-Abgaben, Vorteile im Kundenreporting, potenzielle Präferenz bei Ausschreibungen die ESG-Kriterien einbeziehen.

Ein interner Business Case der mit diesen Zahlen arbeitet — nicht mit Nachhaltigkeitsgefühlen — ist genehmigungsfähig. Das ist der Unterschied zwischen einem Projekt das läuft und einem das drei Jahre auf der Agenda steht.

Die drei Fragen vor jedem Lieferantenwechsel

Wenn Sie konkret werden und Lieferanten evaluieren, sollten drei Fragen vor jedem weiteren Gespräch beantwortet sein:

1. Ist das Material wirklich ein Drop-in? Bio-basiert bedeutet nicht automatisch chemisch identisch. Bio-PE ist ein echter Drop-in: gleiche Molekülstruktur, gleiche Verarbeitungsparameter, gleiche Normen. PLA ist kein Drop-in — es braucht andere Prozesstemperaturen und hat andere mechanische Eigenschaften. Diese Unterscheidung ist kaufentscheidend.

2. Wie ist die Liefersicherheit? Zertifizierte Angebote auf dem Papier und tatsächlich verfügbare Chargen sind zwei verschiedene Dinge. Fragen Sie nach Lagerkapazität, Mindestbestellmengen, Lieferzeiten und Alternativ-Convertern für dieselbe Spezifikation. Wer keine Antwort auf "Was passiert wenn Lieferant A ausliefert?" hat, hat kein belastbares Angebot.

3. Was ist die Zertifizierungskette? Für Scope-3-Reporting zählt die Zertifizierung des Materials, nicht die Absichtserklärung des Lieferanten. ISCC+ und RSB sind die relevanten Standards für bio-basierte Materialien. Prüfen Sie ob das Zertifikat den gesamten Weg vom Rohstoff bis zur gelieferten Charge abdeckt — oder nur einen Teil davon.

Der erste Schritt ist kleiner als er aussieht

Die meisten Hersteller die wir kennen, haben das nötige interne Wissen: Sie kennen ihre Materialien, ihre Prozesse, ihre Lieferanten. Was fehlt ist eine externe Einschätzung: Wo ist der Hebel am größten? Welcher Schritt ist realistisch in den nächsten 12 Monaten?

Genau dafür machen wir Materialstrom-Analysen — fokussiert auf Verpackung und Gehäuse-Kunststoffe im DACH-Raum, mit direktem Converter-Mapping. Das Ergebnis ist keine Präsentation. Es ist eine Entscheidungsgrundlage.

Wenn Sie wissen wollen wo Ihre Materialströme stehen — und was sich konkret ersetzen lässt, ohne den Prozess umzubauen — sprechen Sie uns an.

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