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MaterialumstellungFossilfreie PolymereCSRDScope 3EinkaufDrop-in
Tim Breitmar · 6.4.2026

Materialumstellung: Warum "erstmal schauen" keine Option mehr ist

Ein Materialwechsel in der Chemie braucht Zeit: Freigaben, Audits, Abstimmung. Das gilt auch für fossilfreie Materialien als Ersatz für erdölbasierte Kunststoffe in Gehäusen, Verpackungen und Bauteilen.

Wer dazu sagt "Wir beobachten das Thema", gewinnt nichts: Die Vorlaufzeit eines Materialwechsels wird während der Beobachtung nicht kürzer.

Warum ein Materialwechsel dauert

Ein Materialwechsel in der Chemie ist ein Prozess mit mehreren unabhängigen Bremsen:

Mustermengen und Freigaben. Bevor ein neues Material in die Produktion geht, braucht es interne Qualifizierung. Wie lange sie dauert, hängt von Produkt und Branche ab.

Lieferantenaudit. Ein neuer Converter oder Lieferant muss durch den eigenen Einkaufsprozess. Dazu gehören REACH-Dokumentation, Nachweise zur Herkunft des Kohlenstoffs und Lieferkettenverifizierung.

Interne Abstimmung. Einkauf, Produktentwicklung, Qualität, manchmal Recht: alle müssen mit.

Converter-Verfügbarkeit. Ob ein Converter, der Bio-PE verarbeiten kann, dann Kapazität frei hat, wenn Sie sie brauchen, klären Sie am besten früh.

Das ist ein Argument dafür, jetzt den ersten Schritt zu machen statt im nächsten Quartal.

Der CSRD-Takt ist kein Zukunftsproblem

Für Unternehmen, die unter die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) fallen, sehen die ESRS in der Fassung der Delegierten Verordnung (EU) 2023/2772 in ESRS E1 (Angabepflicht E1-6) die Angabe der Scope-3-Emissionen vor, soweit sie wesentlich sind. Materialströme sind ein Teil davon.

Einordnung (Stand 09.09.2026): Das EU-Omnibus-I-Paket hat Anwenderkreis und Fristen der CSRD geändert. Die Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794 verschob die Berichtspflicht für große Unternehmen der zweiten Welle auf das Geschäftsjahr 2027, die Richtlinie (EU) 2026/470 hebt die Schwelle auf mehr als 1.000 Beschäftigte und mehr als 450 Mio. EUR Nettoumsatz.

Sind Ihre Kunden berichtspflichtig, können sie auch dann nach Daten zu Ihrer Materialbasis fragen, wenn Sie heute noch keine Umstellung planen. Die Frage lautet dann: Was steht da drin, und wie erklären wir es?

Hersteller, die jetzt beginnen, die eigenen Materialströme zu analysieren, haben einen doppelten Vorteil: Sie verstehen früh, wo das größte Scope-3-Gewicht liegt. Und sie haben Zeit, die Substitutionen vorzubereiten, bevor der Reporting-Druck zum Handlungsdruck wird.

Was eine Materialstrom-Analyse liefert

Der erste sinnvolle Schritt ist eine strukturierte Bestandsaufnahme: Welche Materialien setzen wir in welchen Mengen ein, wo stehen sie im Produkt, und was wäre substitutionsfähig?

Eine Scope-3-Materialstrom-Analyse beantwortet konkret:

  • Welche Ihrer Materialien haben das größte CO2-Gewicht pro Kilogramm?
  • Für welche davon gibt es heute Drop-in-Alternativen mit belegtem Anteil erneuerbaren Kohlenstoffs?
  • Welche Converter in DACH sind lieferfähig, mit Rahmenverträgen und Kapazität?
  • Was kostet die Umstellung, und wie wirkt sie sich im Scope-3-Reporting aus?

Diese Analyse liefert die Entscheidungsgrundlage für die Einkaufsleitung, die Nachhaltigkeitsbeauftragten und das Controlling gleichzeitig.

Den Business Case intern aufbauen: mit Kosten argumentieren

Wer intern für eine Materialumstellung wirbt, braucht neben dem CO2-Argument eine Kostenrechnung, denn das Controlling entscheidet mit.

Die Rechnung ist in vielen Fällen eng. Bio-PE kostet je nach Quelle und Marktphase 20 bis 50 Prozent mehr als fossiles PE (IfBB Hannover: rund 20 Prozent; Polymer Innovation Blog, 2013: rund 50 Prozent). Entscheidend ist der Materialanteil am Endproduktpreis. Rechenbeispiel mit angenommenem Materialanteil von fünf Prozent: 20 bis 50 Prozent Aufpreis auf fünf Prozent ergeben 1 bis 2,5 Prozent auf das Gesamtprodukt. Ihren eigenen Materialanteil setzen Sie selbst ein.

Dem stehen mögliche Vorteile gegenüber: Daten für das Kundenreporting und Punkte bei Ausschreibungen, die ESG-Kriterien einbeziehen.

Die drei Fragen vor jedem Lieferantenwechsel

Wenn Sie konkret werden und Lieferanten evaluieren, sollten drei Fragen vor jedem weiteren Gespräch beantwortet sein:

1. Ist das Material ein chemisch identischer Drop-in? Fossilfrei bedeutet nicht automatisch chemisch identisch. Bio-PE ist ein echter Drop-in: gleiche Molekülstruktur; ob Parameter oder Freigaben angepasst werden müssen, klärt ein Verarbeitungstest. PLA dagegen ist ein anderes Molekül; ob es Ihre Anforderungen erfüllt, zeigt erst ein Test. Diese Unterscheidung ist kaufentscheidend.

2. Wie ist die Liefersicherheit? Angebote auf dem Papier und verfügbare Chargen sind zwei verschiedene Dinge. Fragen Sie nach Lagerkapazität, Mindestbestellmengen, Lieferzeiten und Alternativ-Convertern für dieselbe Spezifikation. Wer keine Antwort auf "Was passiert, wenn Lieferant A ausfällt?" hat, hat kein belastbares Angebot.

3. Was ist die Zertifizierungskette? Zählen sollte der Nachweis für das gelieferte Material, nicht die Absichtserklärung des Lieferanten. Zertifizierungssysteme wie ISCC+ zertifizieren oft Massenbilanz; das belegt keinen physischen Anteil erneuerbaren Kohlenstoffs. Den Anteil in der Sorte zeigt eine C14-Messung nach ASTM D6866. Prüfen Sie, ob der Nachweis die gelieferte Sorte abdeckt oder nur einen Teil der Kette.

Der erste Schritt ist kleiner als er aussieht

Ihre Materialien, Prozesse und Lieferanten kennen Sie selbst. Was wir beitragen, ist eine externe Einschätzung: Wo ist der Hebel am größten? Welcher Schritt ist als nächstes realistisch?

Dafür machen wir Materialstrom-Analysen, fokussiert auf Verpackung und Gehäuse-Kunststoffe im DACH-Raum, mit direktem Converter-Mapping. Das Ergebnis ist eine Entscheidungsgrundlage für Einkauf, Nachhaltigkeit und Controlling.

Wenn Sie wissen wollen, wo Ihre Materialströme stehen und was sich konkret ersetzen lässt, ohne den Prozess umzubauen, sprechen Sie uns an.


Quellen: Bio-PE-Aufpreis: IfBB Hannover, FAQ "Sind Biokunststoffe teurer als konventionelle erdölbasierte Kunststoffe?" (rund 20 %), abgerufen 09.09.2026, https://www.ifbb-hannover.de/de/faq/sind-biokunststoffe-teurer-als-konventionelle-erdoelbasierte-kunststoffe.html; Polymer Innovation Blog, "Bio-Polyethylene: Drop-in Replacement" (rund 50 %), 2013, https://polymerinnovationblog.com/bio-polyethylene-drop-in-replacement/. CSRD: Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794, Amtsblatt 16.04.2025, WPK-Meldung https://www.wpk.de/neu/richtlinie-zur-verschiebung-der-anwendung-der-neuen-eu-regelungen-zur-nachhaltigkeitsberichterstattung-und-zu-sorgfaltspflichten-stop-the-clock-im-amtsblatt-der-eu/; Richtlinie (EU) 2026/470 (Omnibus I), Amtsblatt 26.02.2026, DLA Piper https://knowledge.dlapiper.com/dlapiperknowledge/globalemploymentlatestdevelopments/2026/eu-council-approves-omnibus-i-directive; Scope-3-Angabe: Delegierte Verordnung (EU) 2023/2772 (ESRS), ESRS E1, Angabepflicht E1-6 Abs. 44, https://publications.europa.eu/resource/celex/32023R2772

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