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Tim Breitmar · 6.4.2026

PPWR und CSRD: Warum die Materialumstellung 2026 beginnen muss

Wer fossilfreie Materialien als "Nice-to-have für 2027" behandelt, übersieht zwei parallele Regulatorik-Uhren, die bereits laufen.

Uhr 1: CSRD und Scope 3

Für Unternehmen, die nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) berichten, sehen die ESRS in der Fassung der Delegierten Verordnung (EU) 2023/2772 in ESRS E1 (Angabepflicht E1-6) die Angabe der Scope-3-Emissionen vor, soweit sie wesentlich sind.

Einordnung (Stand 09.09.2026): Das EU-Omnibus-I-Paket hat Anwenderkreis und Fristen der CSRD geändert. Die Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794 verschob die Berichtspflicht für große Unternehmen der zweiten Welle auf das Geschäftsjahr 2027, die Richtlinie (EU) 2026/470 hebt die Schwelle auf mehr als 1.000 Beschäftigte und mehr als 450 Mio. EUR Nettoumsatz.

Was das für Materialeinkäufer:innen bedeutet:

Eingekaufte Polymere gehören zu Scope 3, Kategorie 1 (eingekaufte Güter und Dienstleistungen). Maßgeblich ist der Product Carbon Footprint (PCF) des Materials, den der Lieferant ausweist. Für Bio-PE nennt FKuR -2,12 kg CO₂ pro kg Polymer, gerechnet von der Wiege bis zum Werkstor von Braskem. Welchen Wert Sie im Bericht ansetzen, richtet sich nach dem PCF Ihres Lieferanten und Ihrer Berichtsmethodik.

Berichtspflichtige Unternehmen können dafür Daten ihrer Zulieferer nutzen, etwa den PCF der eingekauften Materialien.

Uhr 2: PPWR, die Verpackungsverordnung gilt ab August 2026

Die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR, Verordnung (EU) 2025/40) ist seit 11. Februar 2025 in Kraft und gilt ab 12. August 2026.

Für Materialeinkäufer:innen zählt vor allem eines: Die PPWR fordert Rezyklat, keine biobasierten Anteile. Eine Quote für biobasierten Kunststoff enthält die Verordnung nicht. Die Mindestanteile an Post-Consumer-Rezyklat nach Art. 7 (Zusammenfassung FKuR):

Verpackungskategorie (Kunststoff)ab 2030ab 2040
Kontaktsensitive Verpackung aus PET (außer Einweg-Getränkeflaschen)30 %50 %
Kontaktsensitive Verpackung aus anderen Kunststoffen10 %25 %
Einweg-Getränkeflaschen30 %65 %
Sonstige Kunststoffverpackungen35 %65 %

Für biobasierte Kunststoffe gibt es eine Review-Klausel: Nach Art. 8 (FKuR) prüft die Kommission bis zum 12. Februar 2028 die technologische Entwicklung und Umweltleistung biobasierter Kunststoffverpackungen und kann danach Nachhaltigkeitsanforderungen und Ziele für biobasierte Rohstoffe vorschlagen.

Was das konkret bedeutet: Bio-PE erfüllt keine Rezyklatquote. Die PPWR verändert aber die Materialbasis jeder Verpackung: Der Rezyklatanteil steigt, und für den verbleibenden Neumaterial-Anteil stellt sich die Frage nach der Kohlenstoffquelle neu. Wer 2028 mit dem Kommissionsbericht rechnet, sollte die Lieferkette für fossilfreies Neumaterial bis dahin stehen haben.

Kontrakte, Qualifizierungen und Rezepturtests für fossilfreie Polymere kosten Zeit.

Was das für Ihre Materialbeschaffung bedeutet

Die Uhren laufen parallel:

  • CSRD-Bericht: Scope-3-Emissionen, soweit wesentlich, für die zweite Welle ab Geschäftsjahr 2027.
  • PPWR ab 12. August 2026: Verpackungskonzepte müssen PPWR-konform sein; die Rezyklatquoten greifen ab 2030.
  • Kommissionsbericht zu biobasiertem Kunststoff bis Februar 2028: Material-Qualifizierung braucht Vorlaufzeit.

Offen ist nur der Vorlauf.

Welche Materialien sind heute verfügbar?

Drop-in (chemisch identisch):

MaterialFossilfreier ErsatzAufschlagVerfügbarkeit
PE-HD / PE-LDBio-PE (Braskem I'm green, mind. 84 bis 96 % erneuerbarer Kohlenstoff je nach Sorte)+20 bis 50 % (je nach Quelle)Kommerziell

Funktional ähnlich, mit Verarbeitungstest:

MaterialFossilfreier ErsatzHinweis
PA12Bio-PA11 (Arkema Rilsan, aus Rizinusöl)Anderes Molekül; Eigenschaften im Datenblatt vergleichen

PLA (z. B. NatureWorks Ingeo) ist kein Drop-in, sondern ein anderes Polymer; ob es passt, zeigt ein Test.

Aktuelle Engpass-Materialien:

MaterialStatus
Bio-PP (physisch)Nicht kaufbar; nur Pilotanlagen und Massenbilanz-Angebote, die defosil. nicht zählt (Polypropylen)

Relevant für Ihre Lieferkette: Der Aufschlag für Bio-PE liegt je nach Quelle und Marktphase bei 20 bis 50 % über dem fossilen Referenzpreis (IfBB Hannover: rund 20 %; Polymer Innovation Blog, 2013: rund 50 %). Rechenbeispiel: Macht das Polymer angenommen 5 bis 15 % der Produktkosten aus, ergeben 20 bis 50 % Aufpreis einen Endpreis-Aufschlag von 1 bis 7,5 %. Ihren eigenen Polymeranteil setzen Sie selbst ein.

Wie defosil. dabei hilft

defosil. ist ein unabhängiger Marktplatz für fossilfreie Industriematerialien. Wir verbinden Hersteller, die fossilfreie Materialien suchen, mit Anbietern. Gelistet wird nur Material, dessen Anteil erneuerbaren Kohlenstoffs belegt ist; eine Massenbilanz-Zertifizierung allein reicht dafür nicht.

Für die Beschaffung:

  • Produkt-Anfrage für spezifische Materialien (Volumen, Anwendung, Zertifizierungsanforderung)
  • Scope-3-Materialstrom-Analyse für Ihr Produktportfolio

Die Fristen liegen vor 2030: PPWR-Anwendung ab 12. August 2026, CSRD-Berichte je nach Welle ab Geschäftsjahr 2027, Kommissionsbericht zu biobasiertem Kunststoff bis Februar 2028.

Marktplatz durchsuchen: Zum Marktplatz


Quellen: PPWR: Verordnung (EU) 2025/40, Art. 7 (Rezyklatquoten ab 2030) und Art. 8 (Review biobasierter Kunststoffe bis 12.02.2028), in Kraft 11.02.2025, anwendbar ab 12.08.2026, https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2025/40/oj, Zusammenfassung FKuR https://fkur.com/en/knowledgebase/ppwr-eu-packaging-waste-regulation/; CSRD: Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794, Amtsblatt 16.04.2025, WPK-Meldung https://www.wpk.de/neu/richtlinie-zur-verschiebung-der-anwendung-der-neuen-eu-regelungen-zur-nachhaltigkeitsberichterstattung-und-zu-sorgfaltspflichten-stop-the-clock-im-amtsblatt-der-eu/, Richtlinie (EU) 2026/470 (Omnibus I), Amtsblatt 26.02.2026, DLA Piper https://knowledge.dlapiper.com/dlapiperknowledge/globalemploymentlatestdevelopments/2026/eu-council-approves-omnibus-i-directive; Scope-3-Angabe: Delegierte Verordnung (EU) 2023/2772 (ESRS), ESRS E1, Angabepflicht E1-6 Abs. 44, https://publications.europa.eu/resource/celex/32023R2772; Bio-PE-Aufpreis: IfBB Hannover, FAQ "Sind Biokunststoffe teurer als konventionelle erdölbasierte Kunststoffe?" (rund 20 %), abgerufen 09.09.2026, https://www.ifbb-hannover.de/de/faq/sind-biokunststoffe-teurer-als-konventionelle-erdoelbasierte-kunststoffe.html, Polymer Innovation Blog, "Bio-Polyethylene: Drop-in Replacement" (rund 50 %), 2013, https://polymerinnovationblog.com/bio-polyethylene-drop-in-replacement/; Bio-PE erneuerbarer Kohlenstoff und CO₂-Fußabdruck: FKuR https://fkur.com/en/bioplastics/im-green-polyethylene; PA11: Arkema https://www.extremematerials-arkema.com/en/product-families/rilsan-polyamide-11-family/

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