Wie viel fossiler Kunststoff steckt in unseren Geräten?
In Smartphones, Laptops und Autos steckt Kunststoff aus Erdöl. Für einen Teil davon gibt es fossilfreie Drop-ins mit demselben Molekül. Die Größenordnungen dazu stehen hier.
Die Größenordnungen hinter dem Gerät
Die folgenden Mengen sind eine Überschlagsrechnung. Gewichte und Stückzahlen sind Annahmen, keine Messwerte; der Rechenweg steht jeweils dabei.
Smartphone
- Annahme: 15 bis 20 g Kunststoff je Gerät, davon PC/ABS-Blends im Gehäuse, PP in Haltern, PA in Steckverbindern
- Annahme: rund 1,2 Milliarden Geräte pro Jahr
Ergebnis: 15 bis 20 g × 1,2 Mrd. Geräte ergibt 18.000 bis 24.000 Tonnen Kunststoff jährlich, allein für Smartphones.
Laptop
- Annahme: 450 bis 600 g Kunststoff je Gerät, überwiegend ABS und PC im Gehäuse, PA6 in Scharnieren, PE/PP in Innenverkleidungen
- Annahme: rund 240 Millionen verkaufte Laptops pro Jahr
Ergebnis: 450 bis 600 g × 240 Mio. Geräte ergibt 108.000 bis 144.000 Tonnen Kunststoff jährlich.
Automobil
Nach dieser Überschlagsrechnung ist das Auto der größte Hebel.
- Annahme: 150 bis 200 kg Kunststoff je Pkw: Instrumententafel, Türverkleidungen, Stoßfänger, Rohrleitungen, Dichtungen, Schläuche, Teppiche, Unterbodenverkleidungen
- Annahme: rund 80 Millionen produzierte Fahrzeuge pro Jahr
Ergebnis: 150 bis 200 kg × 80 Mio. Fahrzeuge ergibt 12 bis 16 Millionen Tonnen Kunststoff jährlich.
Welche Materialien stecken in Geräten?
Die fünf Kunststoffe aus der Überschlagsrechnung und ihr fossilfreier Status:
ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol)
- Fossilfreier Status: Einen vollständig fossilfreien Drop-in kennen wir nicht
PC (Polycarbonat)
- Fossilfreier Status: Einen chemisch identischen fossilfreien Drop-in kennen wir nicht
PP (Polypropylen)
- Fossilfreier Status: Bio-PP noch nicht kaufbar, nur Pilotanlagen und Versuche; am nächsten kommen PP-Compounds mit 33 % Bio-Anteil (Polypropylen)
PE (Polyethylen)
- Fossilfreier Status: Bio-PE kaufbar (Braskem I'm green), laut FKuR je nach Sorte mindestens 84 bis 96 % erneuerbarer Kohlenstoff, nicht 100 % (Polyethylen)
PA (Polyamid / Nylon)
- Fossilfreier Status: PA11 aus Rizinusöl (Arkema Rilsan)
Was das für den CO₂-Fußabdruck bedeutet
Die Emissionen eingekaufter Kunststoffe gehören zu den Scope-3-Emissionen eines Geräteherstellers, also den Emissionen in der Lieferkette.
Einordnung (Stand 09.09.2026): Das EU-Omnibus-I-Paket hat Anwenderkreis und Fristen der CSRD geändert. Die Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794 verschob die Berichtspflicht für große Unternehmen der zweiten Welle auf das Geschäftsjahr 2027, die Richtlinie (EU) 2026/470 hebt die Schwelle auf mehr als 1.000 Beschäftigte und mehr als 450 Mio. EUR Nettoumsatz.
Für Bio-PE nennt FKuR einen CO₂-Fußabdruck von -2,12 kg CO₂ pro kg Polymer, gerechnet von der Wiege bis zum Werkstor von Braskem.
Was Drop-in technisch bedeutet
Das entscheidende Konzept heißt Drop-in. Ein Drop-in-Polymer ist chemisch identisch mit seinem fossilen Pendant. Es hat dieselbe Molekülstruktur. Ob Maschinenparameter, Rezepturen oder Freigaben angepasst werden müssen, hängt von Sorte, Additiven, Anwendung und Spezifikation ab; das klärt ein Verarbeitungstest mit dem Datenblatt des Herstellers.
Was sich ändert, ist die Dokumentation: Wer mit dem Anteil erneuerbaren Kohlenstoffs rechnet oder wirbt, sollte ihn für die eingesetzte Sorte belegen können, etwa per C14-Messung nach ASTM D6866.
Das Problem: Sichtbarkeit
Drei Faktoren, die eine Umstellung bremsen können:
-
Der Aufpreis: Bio-PE kostet je nach Quelle und Marktphase 20 bis 50 % mehr als fossiles PE (IfBB Hannover: rund 20 %; Polymer Innovation Blog, 2013: rund 50 %). Wie klein dieser Aufpreis umgerechnet auf das Endprodukt ist, ist nicht intuitiv sichtbar.
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Kein dedizierter Marktplatz: Einen zentralen Ort, an dem Einkäufer:innen fossilfreie Polymere strukturiert vergleichen, Muster anfragen und kaufen können, kennen wir nicht.
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Die Materialdatenbank: Wer nach bekannten Grades auswählt, sieht die fossilfreie Alternative nur, wenn sie in der genutzten Datenbank steht.
Alle drei Punkte betreffen die Sichtbarkeit. Ob ein Material technisch passt, klärt im Einzelfall ein Verarbeitungstest.
Fossilfreie Materialien gibt es, der Katalog listet sie mit Quelle. Was fehlt, ist der Zugang: Einkäufer:innen und Entwickler:innen schnell und unkompliziert an die richtigen Materialien zu bringen.
Quellen: Bio-PE-Aufpreis: IfBB Hannover, FAQ "Sind Biokunststoffe teurer als konventionelle erdölbasierte Kunststoffe?" (rund 20 %), abgerufen 09.09.2026, https://www.ifbb-hannover.de/de/faq/sind-biokunststoffe-teurer-als-konventionelle-erdoelbasierte-kunststoffe.html; Polymer Innovation Blog, "Bio-Polyethylene: Drop-in Replacement" (rund 50 %), 2013, https://polymerinnovationblog.com/bio-polyethylene-drop-in-replacement/. Bio-PE erneuerbarer Kohlenstoff und CO₂-Fußabdruck: FKuR, I'm green Polyethylene, https://fkur.com/en/bioplastics/im-green-polyethylene. PA11: Arkema, Rilsan PA11, https://www.extremematerials-arkema.com/en/product-families/rilsan-polyamide-11-family/. CSRD: Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794, Amtsblatt 16.04.2025, WPK-Meldung https://www.wpk.de/neu/richtlinie-zur-verschiebung-der-anwendung-der-neuen-eu-regelungen-zur-nachhaltigkeitsberichterstattung-und-zu-sorgfaltspflichten-stop-the-clock-im-amtsblatt-der-eu/; Richtlinie (EU) 2026/470 (Omnibus I), Amtsblatt 26.02.2026, DLA Piper https://knowledge.dlapiper.com/dlapiperknowledge/globalemploymentlatestdevelopments/2026/eu-council-approves-omnibus-i-directive
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